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Preisverleihung 2007

Wer es bis hierher geschafft hatte, konnte dem, was kommt, eigentlich gelassen entgegen sehen. Einer tollen Schule gehörte er sowieso an. Trotzdem waren die vielen Schüler, Schulpaten und Lehrer der zehn nominierten Schulen, die zur Verleihung des Deutschen Schulpreises 2007 in den hell erleuchteten Innenhof des zdf-Hauptstadtstudios gekommen waren, äußerst angespannt. Viel gab es zu gewinnen, nicht nur 50.000 Euro Preisgeld, sondern den offiziellen Titel „beste Schule Deutschlands“ zu sein – und dies unter 44.000 Schulen im Land.

Keine Frage, der Deutsche Schulpreis, der am 10. Dezember zum zweiten Mal von der Robert Bosch Stiftung und der Heidehof Stiftung vergeben wurde, gilt mittlerweile als der „Oscar“ in der Bildungslandschaft. Und wie das Hollywood-Original entfaltet auch er eine riesige Sogwirkung. Die Leiterin der Gewinnerschule vom Vorjahr, der Grundschule Kleine Kielstraße in Dortmund, machte zu Beginn im Gespräch die Ehre und auch die Verpflichtung deutlich: Über 600 Politiker, Lehrer, Professoren und Journalisten haben seitdem ihre Schule besucht. Durch Vorträge, Publikationen und Hospitanzen haben ihr Lehrerkollegium und ihre Schüler die pädagogischen Konzepte transparent gemacht, andere dafür begeistert, zu Veränderungen angestoßen und selbst jede Menge dazugelernt.

Die Schulen, die in diesem Jahr auf die begehrte Trophäe, den geflügelten Stuhl, fieberten, nahmen diese Herausforderung jedoch gerne an. Constantin besucht die 9. Klasse der nominierten Montessori-Oberschule in Potsdam. Er trägt ein Ringelshirt, Kapuzenjacke und dunkle Locken und fände es richtig cool, wenn seine Schule heute gewinnen würde. Nicht wegen des Geldes, betonte er. Sondern fürs Image - und weil das Konzept aus altersgemischten Klassen und individuellem Lernen ohne Notendruck ganz einfach toll ist.

Doch zunächst blieb die Spannung groß. Auf der multimedialen Bühne zeigten zehn kurze Filme den bunten Alltag auf den nominierten Schulen. Die Vielfalt verwunderte und begeisterte. Darunter fanden sich Gymnasien, Grund-, Gesamt- und Förderschulen, riesige und ganz kleine. Statt Langeweile und Gleichschrittspädagogik stand bei ihnen allen die Verschiedenheit im Mittelpunkt. Die Reihe der Ideen an diesen Schulen ist lang: die einen lernen in Gruppen, bei offenen Türen und ohne Gong, die anderen in altersgemischten Stufen, mit viel Praxisorientierung und in Projektkursen von Eltern.

Für den Schulpreis bewerben kann sich grundsätzlich jeder Schultyp, 170 Schulen aus allen Bundesländern haben es diesmal getan. Eine unabhängige und hochkarätig besetzte Jury mit Mitgliedern wie dem deutschen Pisa-Chef Manfred Prenzel, dem Generalsekretär der Kultusministerkonferenz Erich Thies und dem Erziehungswissenschaftler Peter Fauser haben in einem mehrstufigen Verfahren die zehn Besten ausgewählt. Sie alle sind gelungene Gegenentwürfe zum gängigen Schulsystem, doch neben dem Hauptpreis können nur vier weitere einen Anerkennungspreis mit jeweils 10. 000 Euro gewinnen.

Als der R ´n` B-Sänger Adel Tawil von der Band „Ich&Ich“ zum souligen Sound der Akustik-Gitarren „Du bist vom selben Stern“ sang, konnte auch Karsten Schwanke nicht mehr still stehen. Der zdf-Moderator von Abenteuer Wissen, der locker und souverän durch die Festveranstaltung führte, tanzte zum eingängigen Beat. In einer Gesprächsrunde mit Jurymitglied Peter Fauser verriet Ingrid Hamm, Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung, anschließend, was im nächsten Jahr auf dem Programm steht: Zusätzlich wird ein Spartenpreis aus den sechs Bewertungskategorien des Schulpreises ausgelobt, dazu vergibt die Jury noch eine Auszeichnung an die Schule, die am überzeugendsten ihre Schwierigkeiten überwinden konnte. Fauser betonte den praktischen Erfahrungstransfer, der im Gegensatz zu reinen Bewertungsstudien wie PISA und IGLU vom Schulpreis ausgeht: „Der Schulpreis zeigt, wie man ein Orchester aufbaut. IGLU und PISA messen, wie es klingt.“

Dann endlich ging es an die Verleihung. Den ersten von vier Anerkennungspreisen erhielt das Friedrich-Schiller-Gymnasium in Marbach, eine Schule mit über 1800 Schülern, in der trotz Größe jedes Individuum zählt. Schwierige Schüler abzuschieben, gilt dort als verpönt. Von 1000 Schülern der Unter- und Mittelstufe wechselten im vergangenen Jahr gerade mal 17 auf die Realschule, für Schulleiter Günter Offermann sind das noch immer 17 zu viel. Die Fußball-Weltmeisterin Nadine Angerer hielt die Laudatio auf den weiteren Preisträger, die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden. Die Reformschule ist seit den Achtzigerjahren als „Leuchtturm“ in der deutschen Bildungslandschaft bekannt – „Endlich haben wir den Preis!“ jubelten die angereisten Schüler in die Kameras von Phoenix, dem Sender, der die Veranstaltung live übertrug. Daheim in Wiesbaden schaute die ganze Schule in der Turnhalle zu.

Die beiden übrigen Anerkennungspreise gingen nach Berlin und Potsdam: Am lautesten war der Freudenschrei der Carl-von-Linné-Schule. Mit einem großen Trupp war ihr Schulleiter Peter Friedsam hierher gekommen – viele seiner Schüler saßen in Rollstühlen, hatten Begleiter dabei. Die Berliner Schule ist eine Körperbehindertenschule, die den landesweiten Vergleich nicht scheuen muss. Einzigartig ist das Engagement von Sonderpädagogen, Sozialarbeitern, Medizinern, Lehrern, Eltern und Schülern, mit denen gemeinsam an immer neuen und individuellen Förderplänen gearbeitet wird. Die Schule, die nie geschlossen hat, versteht sich als Denkfabrik, für die beständige Evaluation der Anfang von immer mehr Fortschritt ist. Friedsam nahm den Preis stellvertretend für alle Sonderschulen entgegen, die, wie er sagte, „am Rande der Gesellschaft gerne vergessen werden.“ Auch Constantin und seine Mitschüler von der Montessori-Oberschule in Potsdam, die ebenfalls mit behinderten Kindern arbeitet, konnten noch laut jubeln. Ihre Schule wurde ausgezeichnet für ein integratives Konzept, das auf jede Form des Frontalunterrichts verzichtet und bei dem Rücksicht selbstverständlich ist.

Den Hauptgewinner des Deutschen Schulpreises verkündete schließlich Christof Bosch, Sprecher der Stifter-Familie. Als „Briefträger der Jury“ erfülle ihn der diesjährige Preisträger mit Stolz. Aber er sei auch verblüfft, gestand er in seiner Laudatio. Von der besten Schule Deutschlands habe er bisher noch nichts gewusst - und dies trotz ihres Namens: Robert-Bosch-Gesamtschule. Die Gewinnerschule aus Hildesheim sei mit über 1300 Schülern „keine Schönheitskönigin, keine Notenqueen“, sondern eine Schule, die sich „am eigenen Schopf aus der Versumpfung gezogen hat“. Auch die Jury war begeistert von dem ganzheitlichen Ansatz, dem projektorientierten Unterricht und dem hochprofessionellen Management der Ganztagsschule, in der die Schüler bis etwa 16 Uhr nicht nur lernen, sondern auch leben. Aus den Händen der Bundesbildungsministerin Annette Schavan nahm der Schulleiter Wilfried Kretschmer den „geflügelten Stuhl“ entgegen, hielt ihn siegessicher hoch. Seine Gesamtschule erfahre bereits große Akzeptanz, sagte er, sie komme aber gerade erst im Bildungsbürgertum der Stadt als mögliche Alternative für leistungsstarke Kinder an. Für ihn ist der Schulpreis daher eine fantastische Auszeichnung, vor allem aber ein Ansporn, noch mehr zu erreichen.

Tina Hüttl


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