Preisverleihung 2008
Bericht von der Preisverleihung im ZDF Hauptstadtstudio
„Es ist schön zu sehen, dass hier Schule nicht mehr so am Leben vorbei geht“, ruft der junge Musiker Clueso ins Mikrophon. Mit verwuschelten Haaren steht der schmächtige blonde Sänger auf der Bühne, die letzten Akkorde seines Songs „Gewinner“ sind soeben verklungen. Es ist ein Satz, der bei der Verleihung des Deutschen Schulpreises 2008 unter all den starken Aussagen herausfällt und nachklingt. Besonders, da er von einem „Schulversager“ kommt, wie Clueso bekennt. Lange habe er gebraucht, Menschen zu finden, die ihn erkennen.
Treffender kann es an diesem Tag der Verleihung kaum einer der vielen Laudatoren aus Politik, Wissenschaft, Sport und Kultur zusammenfassen, um was es dem Deutschen Schulpreis geht: Schulen auszuzeichnen und über ihre Region hinaus bekannt zu machen, die mitten im Leben ansetzen. Lehrer zu ehren, die jeden einzelnen Schüler mitsamt seinen Schwächen und Stärken herausfordern. Als „Lebenslehrer“ bezeichnet Clueso sie. Oder wie es der anwesende Bundespräsident Horst Köhler ausdrückt: „Bildung erfasst den ganzen Menschen, seine ganze Persönlichkeit, seine Talente, sein Urteilsvermögen.“ Dies schulisch zu entwickeln, sei wichtig. Genau dafür gibt es den Deutschen Schulpreis - doch erst mal schön der Reihe nach.
"Lebenslehrer" mit ihren Schülern
Denn bevor die Fernsehkameras des Senders Phönix laufen, drängen sich jede Menge dieser „Lebenslehrer“ mit ihren Schülern unter den hellen Scheinwerfern im Hof des ZDF-Hauptstadtstudios. Sie bilden kleine aufgeregte Grüppchen, zusammen machen sie sich Mut. Schulleiter Gerhard Schöll, in hellem Schlips zum dunklen Jackett, hat nicht nur Lehrerkollegen und Schüler, sondern auch den Schulkoch der Bodensee-Schule St. Martin mitgebracht. „Der hat bei uns an der Ganztagsschule eine ganz zentrale Rolle“, sagt Schöll und schiebt dann die Erklärung nach: „Mit seiner Energie und natürlich auch seiner gesunden Kost hält er den Vormittags- und Nachmittagsbetrieb wunderbar zusammen.“
Das, was bei Nora an der Berliner Grundschule im Grünen ganz zentral ist, musste die Sechstklässlerin leider heute zurücklassen: „Unsere 180 Tiere bleiben auf der Knirpsenfarm“, bedauert sie. Noch nicht einmal ihre Wüstenrennmaus, für die sie als Patin verantwortlich ist, durfte mit.
Tiere in der Schule, ganze Lesetage, offener Unterricht - bei den vierzehn nominierten Schulen läuft vieles anders als im üblichen Schulbetrieb. Wie bunt und vielfältig die Ideen und Konzepte der aus 250 Bewerbern ausgewählten Nominierten sind, zeigen filmische Kurzportraits. Über die Leinwand flimmern Bilder von lachenden Kindern, Jungs beim Nähen, Mädchen beim Löten, eine Sitzung des Schulparlaments. Sechs Qualitätsbereiche hatte eine hochkarätig besetzte, unabhängige Jury mit Mitgliedern wie dem deutschen Pisa-Chef Manfred Prenzel und Erziehungswissenschaftler Peter Fauser zu bewerten. Für Fauser, Sprecher der Schulpreis-Jury, waren besonders die Schulbesuche eine Bereicherung. „Alle Schulen, die teilnehmen, sind Repräsentanten einer pädagogischen Leistungselite“, sagt er. Verlierer gibt es hier heute also ohnehin nicht.
Dass dabei sein schon (fast) alles ist, darüber sind sich auch die aus ganz Deutschland angereisten Schüler und Lehrer einig. Nur Jasmin von der Schule am Voßbarg ist ganz ehrlich: „Natürlich ist gewinnen aber noch besser.“ Und so wird es dann doch sehr spannend, als Moderator Karsten Schwanke, der im ZDF „Abenteuer Wissen“ präsentiert, die Verleihung der ersten zwei Sonderpreise ankündigt.
Praktisches und das Unterrichtsfach "Umwelt"
Der „Preis der Jury“ und der „Preis der Akademie“ sind mit jeweils 15.000 Euro dotiert und werden, wie Ingrid Hamm, Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung, erläutert, an Schulen verliehen, die noch nicht in allen Qualitätsbereichen überzeugen, aber doch in mindestens einem Kriterium Herausragendes leisten. Die Werkstattschule in Bremerhaven ist eine solche Schule. Sie nimmt Dauerschwänzer, Mehrfachabbrecher und notorische Rausflieger auf, die „eine Schule brauchen, die keine ist“, wie es der Schauspieler Herbert Knaup in seiner Laudatio auf den Punkt bringt. Statt nur die Schulbank zu drücken, lernen sie dort Praktisches in richtigen Werkstätten und richtigen Baustellen. Und auch auf der Grundschule im Grünen in Berlin läuft vieles anders. Als einzige Schule unterrichtet sie das Fach Umwelt. Zu ihrer Lebens-, Lern- und Arbeitsgemeinschaft gehören neben Lehrern und Schülern viele Tiere, die Kompostierung, ein Lehmbackofen und eine Wasserlandschaft. Eberhard Brandes vom WWF Deutschland übergibt dem Gründer und Leiter der Schule, Tobias Barthl, den „Preis der Akademie“ für das naturverbundene Konzept.
Zusammen mit den Gewinnern der Vorjahre sowie den fünf neuen Siegerschulen 2008 werden sie nun an der Akademie des Deutschen Schulpreises teilnehmen. Drei Jahre lang können sich die Mitglieder der Akademie in zahlreichen Arbeitstreffen über ihre Erfahrungen austauschen und gemeinsam etwa in einem Schullabor an Konzepten für Schulen der Zukunft arbeiten.
Auch für die neuen Träger der vier Schulpreise in Höhe von je 25.000 Euro ist das neben dem Geld der eigentliche Gewinn. Im vollständig gefüllten ZDF-Innenhof brechen ganze Stuhlreihen abwechselnd in laute Jubelschreie aus, sobald Lobredner wie Olympiasieger Mathias Steiner, Clueso, ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut und der stern-Chefredakteur Thomas Osterkorn die Namen der Siegerschulen verkünden: Da stürmt der Direktor der Grund- und Hauptschule mit Werkrealschule Altingen in Ammerbuch auf die Bühne, die Gewinner der Schule Schloß Neuhaus, ein Gymnasium mit über 1400 Schülern, laden gleich zum Riesenfest ins Paderborner Fußballstadium. Schlicht „stolz“ heißt dagegen das Wort, mit dem ein Schüler der Integrierten Gesamtschule Bonn-Beuel sein Gefühl beschreibt, und Schulleiter Bernhard Schrape von der Schule am Voßbarg sieht das Motto seiner Förderschule auf ganzer Linie bestätigt:„Du kannst mehr als du denkst“.
Zaubertrank ohne Geheimrezept
Bevor es nach all diesen schönen Szenen zur Vergabe des mit 100.000 Euro dotierten Hauptpreises kommt, sorgt jedoch noch der ZDF-Sportreporter Sven Voss für Lacher. Immer wieder hat er sich während der Verleihung unter die Gäste gemischt und sie interviewt. Jetzt sitzt er neben Hannes, einem der Jüngsten im Saal. Er fragt ihn, wer denn den Preis mitnehmen kann, falls seine Schule gewinnt. „Das macht Gisela, die Schulleiterin“, antwortet Hannes ohne Scheu in das Mikrophon. „Obwohl ich Präsident des Schulparlaments bin“. Auch was er als Präsident alles tun muss, verrät der kleine blonde Junge gern: „Ich schreibe Briefe an Handwerkskammern“ – spätestens jetzt lacht das Publikum.
Der offene Umgang zwischen Schülern und Pädagogen, die sich alle duzen, die gelebte Demokratie und wagemutige Lernkonzepte waren es auch, die die Jury von Hannes Schule überzeugten. Die Wartburg-Grundschule im nordrhein-westfälischen Münster erhielt daher von Christof Bosch den Hauptpreis. Als Schulleiterin Gisela Gravelaar die Trophäe, den geflügelten Stuhl, hochhielt, erinnert sich Christof Bosch an den geflügelten Helm von Asterix und zieht einen Vergleich: Der Schulpreis sei wie ein Zaubertrank, den Mirakulix braut. „Glücklicherweise sorgt die Akademie der Preisträger aber dafür, dass er kein Geheimrezept bleibt.“
Tina Hüttl
„Es ist schön zu sehen, dass hier Schule nicht mehr so am Leben vorbei geht“, ruft der junge Musiker Clueso ins Mikrophon. Mit verwuschelten Haaren steht der schmächtige blonde Sänger auf der Bühne, die letzten Akkorde seines Songs „Gewinner“ sind soeben verklungen. Es ist ein Satz, der bei der Verleihung des Deutschen Schulpreises 2008 unter all den starken Aussagen herausfällt und nachklingt. Besonders, da er von einem „Schulversager“ kommt, wie Clueso bekennt. Lange habe er gebraucht, Menschen zu finden, die ihn erkennen.
Treffender kann es an diesem Tag der Verleihung kaum einer der vielen Laudatoren aus Politik, Wissenschaft, Sport und Kultur zusammenfassen, um was es dem Deutschen Schulpreis geht: Schulen auszuzeichnen und über ihre Region hinaus bekannt zu machen, die mitten im Leben ansetzen. Lehrer zu ehren, die jeden einzelnen Schüler mitsamt seinen Schwächen und Stärken herausfordern. Als „Lebenslehrer“ bezeichnet Clueso sie. Oder wie es der anwesende Bundespräsident Horst Köhler ausdrückt: „Bildung erfasst den ganzen Menschen, seine ganze Persönlichkeit, seine Talente, sein Urteilsvermögen.“ Dies schulisch zu entwickeln, sei wichtig. Genau dafür gibt es den Deutschen Schulpreis - doch erst mal schön der Reihe nach.
"Lebenslehrer" mit ihren Schülern
Denn bevor die Fernsehkameras des Senders Phönix laufen, drängen sich jede Menge dieser „Lebenslehrer“ mit ihren Schülern unter den hellen Scheinwerfern im Hof des ZDF-Hauptstadtstudios. Sie bilden kleine aufgeregte Grüppchen, zusammen machen sie sich Mut. Schulleiter Gerhard Schöll, in hellem Schlips zum dunklen Jackett, hat nicht nur Lehrerkollegen und Schüler, sondern auch den Schulkoch der Bodensee-Schule St. Martin mitgebracht. „Der hat bei uns an der Ganztagsschule eine ganz zentrale Rolle“, sagt Schöll und schiebt dann die Erklärung nach: „Mit seiner Energie und natürlich auch seiner gesunden Kost hält er den Vormittags- und Nachmittagsbetrieb wunderbar zusammen.“
Das, was bei Nora an der Berliner Grundschule im Grünen ganz zentral ist, musste die Sechstklässlerin leider heute zurücklassen: „Unsere 180 Tiere bleiben auf der Knirpsenfarm“, bedauert sie. Noch nicht einmal ihre Wüstenrennmaus, für die sie als Patin verantwortlich ist, durfte mit.
Tiere in der Schule, ganze Lesetage, offener Unterricht - bei den vierzehn nominierten Schulen läuft vieles anders als im üblichen Schulbetrieb. Wie bunt und vielfältig die Ideen und Konzepte der aus 250 Bewerbern ausgewählten Nominierten sind, zeigen filmische Kurzportraits. Über die Leinwand flimmern Bilder von lachenden Kindern, Jungs beim Nähen, Mädchen beim Löten, eine Sitzung des Schulparlaments. Sechs Qualitätsbereiche hatte eine hochkarätig besetzte, unabhängige Jury mit Mitgliedern wie dem deutschen Pisa-Chef Manfred Prenzel und Erziehungswissenschaftler Peter Fauser zu bewerten. Für Fauser, Sprecher der Schulpreis-Jury, waren besonders die Schulbesuche eine Bereicherung. „Alle Schulen, die teilnehmen, sind Repräsentanten einer pädagogischen Leistungselite“, sagt er. Verlierer gibt es hier heute also ohnehin nicht.
Dass dabei sein schon (fast) alles ist, darüber sind sich auch die aus ganz Deutschland angereisten Schüler und Lehrer einig. Nur Jasmin von der Schule am Voßbarg ist ganz ehrlich: „Natürlich ist gewinnen aber noch besser.“ Und so wird es dann doch sehr spannend, als Moderator Karsten Schwanke, der im ZDF „Abenteuer Wissen“ präsentiert, die Verleihung der ersten zwei Sonderpreise ankündigt.
Praktisches und das Unterrichtsfach "Umwelt"
Der „Preis der Jury“ und der „Preis der Akademie“ sind mit jeweils 15.000 Euro dotiert und werden, wie Ingrid Hamm, Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung, erläutert, an Schulen verliehen, die noch nicht in allen Qualitätsbereichen überzeugen, aber doch in mindestens einem Kriterium Herausragendes leisten. Die Werkstattschule in Bremerhaven ist eine solche Schule. Sie nimmt Dauerschwänzer, Mehrfachabbrecher und notorische Rausflieger auf, die „eine Schule brauchen, die keine ist“, wie es der Schauspieler Herbert Knaup in seiner Laudatio auf den Punkt bringt. Statt nur die Schulbank zu drücken, lernen sie dort Praktisches in richtigen Werkstätten und richtigen Baustellen. Und auch auf der Grundschule im Grünen in Berlin läuft vieles anders. Als einzige Schule unterrichtet sie das Fach Umwelt. Zu ihrer Lebens-, Lern- und Arbeitsgemeinschaft gehören neben Lehrern und Schülern viele Tiere, die Kompostierung, ein Lehmbackofen und eine Wasserlandschaft. Eberhard Brandes vom WWF Deutschland übergibt dem Gründer und Leiter der Schule, Tobias Barthl, den „Preis der Akademie“ für das naturverbundene Konzept.
Zusammen mit den Gewinnern der Vorjahre sowie den fünf neuen Siegerschulen 2008 werden sie nun an der Akademie des Deutschen Schulpreises teilnehmen. Drei Jahre lang können sich die Mitglieder der Akademie in zahlreichen Arbeitstreffen über ihre Erfahrungen austauschen und gemeinsam etwa in einem Schullabor an Konzepten für Schulen der Zukunft arbeiten.
Auch für die neuen Träger der vier Schulpreise in Höhe von je 25.000 Euro ist das neben dem Geld der eigentliche Gewinn. Im vollständig gefüllten ZDF-Innenhof brechen ganze Stuhlreihen abwechselnd in laute Jubelschreie aus, sobald Lobredner wie Olympiasieger Mathias Steiner, Clueso, ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut und der stern-Chefredakteur Thomas Osterkorn die Namen der Siegerschulen verkünden: Da stürmt der Direktor der Grund- und Hauptschule mit Werkrealschule Altingen in Ammerbuch auf die Bühne, die Gewinner der Schule Schloß Neuhaus, ein Gymnasium mit über 1400 Schülern, laden gleich zum Riesenfest ins Paderborner Fußballstadium. Schlicht „stolz“ heißt dagegen das Wort, mit dem ein Schüler der Integrierten Gesamtschule Bonn-Beuel sein Gefühl beschreibt, und Schulleiter Bernhard Schrape von der Schule am Voßbarg sieht das Motto seiner Förderschule auf ganzer Linie bestätigt:„Du kannst mehr als du denkst“.
Zaubertrank ohne Geheimrezept
Bevor es nach all diesen schönen Szenen zur Vergabe des mit 100.000 Euro dotierten Hauptpreises kommt, sorgt jedoch noch der ZDF-Sportreporter Sven Voss für Lacher. Immer wieder hat er sich während der Verleihung unter die Gäste gemischt und sie interviewt. Jetzt sitzt er neben Hannes, einem der Jüngsten im Saal. Er fragt ihn, wer denn den Preis mitnehmen kann, falls seine Schule gewinnt. „Das macht Gisela, die Schulleiterin“, antwortet Hannes ohne Scheu in das Mikrophon. „Obwohl ich Präsident des Schulparlaments bin“. Auch was er als Präsident alles tun muss, verrät der kleine blonde Junge gern: „Ich schreibe Briefe an Handwerkskammern“ – spätestens jetzt lacht das Publikum.
Der offene Umgang zwischen Schülern und Pädagogen, die sich alle duzen, die gelebte Demokratie und wagemutige Lernkonzepte waren es auch, die die Jury von Hannes Schule überzeugten. Die Wartburg-Grundschule im nordrhein-westfälischen Münster erhielt daher von Christof Bosch den Hauptpreis. Als Schulleiterin Gisela Gravelaar die Trophäe, den geflügelten Stuhl, hochhielt, erinnert sich Christof Bosch an den geflügelten Helm von Asterix und zieht einen Vergleich: Der Schulpreis sei wie ein Zaubertrank, den Mirakulix braut. „Glücklicherweise sorgt die Akademie der Preisträger aber dafür, dass er kein Geheimrezept bleibt.“
Tina Hüttl