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Aktuelle Themen 2017

"Schüler müssen sich ausprobieren und experimentieren"

Uta-Micaela Dürig, Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung, über die Zukunft des deutschen Bildungssystems, was die Bildungspolitik tun kann, damit es bessere Schulen in Deutschland gibt, und wie es mit dem Deutschen Schulpreis weitergeht.
  • Im Bildungsbereich hat man derzeit das Gefühl, dass alle über G8 und G9 diskutieren. Entscheidet sich an dieser Frage tatsächlich die Zukunft des deutschen Bildungssystems?

"Das Thema G8/G9 hat in der öffentlichen Diskussion eine übersteigerte Bedeutung. Gute Schule ist sowohl in G8 als auch in G9 möglich. Außerhalb des Gymnasiums spielt diese Frage gar keine Rolle. Wir haben in diesem Jahr erstmals die Schulen, die sich um den Deutschen Schulpreis beworben haben, gefragt, wo sie die größten Herausforderungen sehen. Dabei hat sich gezeigt, dass alle Schulen besonders gefordert sind, wenn es darum geht, Schüler zu unterrichten, die immer unterschiedlichere Vorrausetzungen mitbringen. Damit sind nicht allein Schüler mit Fluchterfahrung gemeint, sondern auch Kinder, die durch die wirtschaftliche Situation der Eltern benachteiligt sind, denen es zuhause an Unterstützung in Schulfragen fehlt, die aufgrund einer Behinderung intensivere Betreuung benötigen, oder die enorm schnell und gut lernen und damit viel mehr inhaltliche Impulse fordern oder sich schnell langweilen. Auch die zunehmende Vielzahl an religiösen und kulturellen Prägungen stellt Schulen vor große Aufgaben."

  • Was macht ihrer Erfahrung nach eine gute Schule aus?

"Bei einer guten Schule geht es um Leistung, aber auch noch um viel mehr. Sie bezieht Eltern, Schüler aber auch das Umfeld in den Schulalltag ein und übt demokratische Mitbestimmung. Guter Unterricht zeichnet sich aus durch Methodenvielfalt und eine gelungene Mischung aus Wissensvermittlung und eigenem Erarbeiten. Damit Schüler sich Wissen selbst erarbeiten können, müssen sie sich ausprobieren und experimentieren. Und sie müssen lernen sich selbst zu organisieren. Schulen, die dafür die passende Umgebung schaffen, können besser auf die individuellen Bedürfnisse ihrer Schüler eingehen und deren Vielfalt als Chance nutzen. Diese Aspekte kommen in den sechs Qualitätsbereichen zum Ausdruck, die wir gemeinsam mit Wissenschaftlern und Schulpraktikern erarbeitet haben. Sie sind das Herzstück des Deutschen Schulpreises und inzwischen in der Fachwelt als Referenzrahmen zur Beurteilung von Schulen etabliert: Leistung, Umgang mit Vielfalt, Unterrichtsqualität, Verantwortung, Schulleben und Schule als lernende Institution. Diese ganzheitliche Ausrichtung befördert dann auch noch zusätzlich die Leistung.“

  • Was kann die Bildungspolitik dafür tun, dass es mehr gute Schulen in Deutschland gibt?

"Sie muss den Schulen Freiraum geben. Wir haben gelernt, dass die besten Ideen aus der Praxis kommen, beispielsweise wenn Schulleitung und Kollegium gemeinsam Lösungen entwickeln, die auf die speziellen Bedürfnisse ihrer Schule und Schüler zugeschnitten sind. Aber auch das geht nicht ohne Geld und größere organisatorische und institutionelle Freiheit. Organisatorische Aufgaben an den Schulen müssen erledigt werden, aber Schulleitungsteams sollten mehr Zeit für die konzeptionelle und inhaltliche Arbeit der Schulentwicklung haben."

  • Wie kann das deutsche Bildungssystem vom Deutschen Schulpreis profitieren?

In Deutschland gibt es viele herausragende Schulen, die gute Konzepte erfolgreich in der Praxis umsetzen. Mit dem Deutschen Schulpreis zeichnen wir diese Schulen nicht nur aus. Hinter dem Wettbewerb steht ein breites Angebot, das es anderen Schulen und Schulträgern ermöglicht, von diesen Ideen zu lernen. Dafür haben wir vor zwei Jahren die Deutsche Schulakademie gegründet, die eng mit dem Netzwerk der inzwischen über 60 Preisträgerschulen zusammenarbeitet, Transferangebote entwickelt und durchführt."

  • Wie geht es weiter mit dem Deutschen Schulpreis?

"Wir verleihen den Deutschen Schulpreis in diesem Jahr bereits zum elften Mal und werden ihn auch weiterhin durchführen. Aktuell starten wir ein neues Förderprogramm, das 20 vielversprechende Schulen, die sich am Wettbewerb beteiligt haben, über zwei Jahre begleitet. Als nächstes konzentrieren wir uns dann auf die wissenschaftliche Begleitung, um die Ideen und Konzepte der Preisträgerschulen systematisch erforschen zu lassen. Und wir beziehen auch internationale Expertise aus Praxis und Wissenschaft mit ein. Darüber hinaus werden wir die regionale Struktur weiter ausbauen, damit Schulen, die an ihrer Schulentwicklung arbeiten wollen, Ansprechpartner in ihrer Umgebung finden. Gleichzeitig denken wir über ein besseres Online-Angebot nach."

(Mai 2017)

Zur Person

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Uta-Micaela Dürig ist seit dem 1. Juli 2015 Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart. Die gelernte Journalistin war zuvor verantwortlich für die weltweite Unternehmenskommunikation des internationalen Technologieunternehmens Bosch.

Deutscher Schulpreis 2017