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"Der größte Schatz des Deutschen Schulpreises ist das Wissen der Preisträgerschulen"

Im Interview spricht Uta-Micaela Dürig, stellvertretende Vorsitzende der Geschäftsführung der Robert Bosch Stiftung, über Inklusion, Bildungspolitik und darüber, wie Schulen vom Deutschen Schulpreis profitieren können.
 
  • Aktuell wird viel über das Thema Inklusion diskutiert, manche Bildungspolitiker erklären die Reform gar für gescheitert. Den Deutschen Schulpreis hat in diesem Jahr aber eine Schule gewonnen, die sich gerade durch ihr außergewöhnliches Inklusionsmodell auszeichnet. Was macht diese Schule anders?

"Inklusiver Unterricht am Evangelischen Schulzentrum Martinschule in Greifswald bedeutet, dass fast die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler besonders unterstützt werden muss. Gleichzeitig sind die Leistungsergebnisse der Kinder und Jugendlichen seit Jahren besser als der Landesdurchschnitt. Das liegt auch daran, dass die Idee des gemeinsamen Lernens hier konsequent ausgereizt wird – ganz gleich ob mit oder ohne Handicap, Förderbedarf oder besonderer Begabung. Bis zur siebten Klasse lernen die Kinder mit den gleichen Lehrkräften in einer kleinen Stammgruppe, was ihnen ein stabiles Umfeld gibt. Gleichzeitig werden individuelle Begabungen und Neigungen in flexiblen Lerngruppen gefördert. Gehandicapte Schüler sammeln zudem in jahrgangsübergreifenden Projekten wie der Schülerfirma oder dem Wohnungstraining wichtige Erfahrungen, die sie auf einen möglichst autonomen Lebensalltag und eine berufliche Integration vorbereiten. Dabei nimmt sich die Martinschule auch der schwierigen Fälle an. Inklusion kann mit den richtigen Konzepten erfolgreich gestaltet werden."

  • Die Martinschule wurde nicht allein für Ihr Inklusionsmodell, sondern für ihre gesamte Arbeit ausgezeichnet. Was macht Ihrer Erfahrung nach eine gute Schule aus?

"Bei einer guten Schule geht es um Leistung, aber auch noch um viel mehr. Sie bezieht Eltern, Schüler aber auch das Umfeld in den Schulalltag ein und übt demokratische Mitbestimmung. Guter Unterricht zeichnet sich aus durch Methodenvielfalt und eine gelungene Mischung aus Wissensvermittlung und eigenem Erarbeiten. Damit Schüler sich Wissen selbst erarbeiten können, müssen sie sich ausprobieren und experimentieren. Und sie müssen lernen sich selbst zu organisieren. Schulen, die dafür die passende Umgebung schaffen, können besser auf die individuellen Bedürfnisse ihrer Schüler eingehen und deren Vielfalt als Chance nutzen. Diese Aspekte kommen in den sechs Qualitätsbereichen zum Ausdruck, die wir gemeinsam mit Wissenschaftlern und Schulpraktikern erarbeitet haben. Sie sind das Herzstück des Deutschen Schulpreises und inzwischen in der Fachwelt als Referenzrahmen zur Beurteilung von Schulen etabliert: Leistung, Umgang mit Vielfalt, Unterrichtsqualität, Verantwortung, Schulleben und Schule als lernende Institution. Diese ganzheitliche Ausrichtung befördert dann auch noch zusätzlich die Leistung."

  • Was kann die Bildungspolitik dafür tun, dass es mehr gute Schulen in Deutschland gibt?

"Sie muss den Schulen Freiraum geben. Wir haben gelernt, dass die besten Ideen aus der Praxis kommen, beispielsweise wenn Schulleitung und Kollegium gemeinsam Lösungen entwickeln, die auf die speziellen Bedürfnisse ihrer Schule und Schüler zugeschnitten sind. Aber auch das geht nicht ohne Geld und größere organisatorische und institutionelle Freiheit. Organisatorische Aufgaben an den Schulen müssen erledigt werden, aber Schulleitungsteams sollten mehr Zeit für die konzeptionelle und inhaltliche Arbeit der Schulentwicklung haben."

  • Wie können andere Schulen vom Deutschen Schulpreis profitieren?

"Der größte Schatz des Deutschen Schulpreises ist das Wissen der Preisträgerschulen. Sie sind Herausforderungen aktiv angegangen und haben dafür Konzepte entwickelt, die sich in der Praxis bewährt haben. Damit auch andere Schulen und Schulträger von diesen Ideen lernen können, ist in den vergangenen Jahren hinter dem Wettbewerb ein breites Angebot entstanden. Bereits 2015 haben wir die Deutsche Schulakademie gegründet, die eng mit dem Netzwerk der inzwischen über 70 Preisträgerschulen zusammenarbeitet, Transferangebote entwickelt und durchführt. Erst vor wenigen Tagen ist zudem mit dem Deutschen Schulportal [Pra1] eine neue Onlineplattform rund um das Thema Schule gestartet, die die erfolgreichen Konzepte für alle im Web zugänglich macht."

  • Was bietet das Deutsche Schulportal und an wen richtet es sich?

"Als unabhängiges Fachmedium will das Deutsche Schulportal alle, die Schule und Unterricht aktiv entwickeln oder sich für Schulentwicklungsfragen interessieren, bei ihren Aufgaben begleiten und inspirieren – sei es bei der Weiterentwicklung des Unterrichts, in Schulentwicklungsfragen oder der Gestaltung des Schullebens. Herzstück des Portals sind die innovativen pädagogischen Konzepte der Schulen, die seit 2006 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurden. Sie geben Lehrkräften und Schulleitungen konkrete Anregungen, Tipps und Hilfestellung für ihre eigene Arbeit. Neben den Konzepten bietet das Deutsche Schulportal eine Fülle an Informationen zum Thema, von tagesaktuellen Artikeln über tiefgründige Experteninterviews bis hin zur unterhaltsamen Kolumne. Mit einer kostenlosen Registrierung auf dem Deutschen Schulportal erhalten Besucher Zugang zu allen Materialien, die die Preisträgerschulen zur Umsetzung ihrer Konzepte entwickelt haben. Sie wurden von der Deutschen Schulakademie in Film, Bild und Text aufbereitet und enthalten Anleitungen und Tipps zur Umsetzung."

Zur Person

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Uta-Micaela Dürig ist seit dem 1. Juli 2015 Geschäftsführerin der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart. Die gelernte Journalistin war zuvor verantwortlich für die weltweite Unternehmenskommunikation des internationalen Technologieunternehmens Bosch.

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