Die Preisträgerschulen

Marktschule Bremerhaven

Tiffany, 10, heftet ein selbst gemaltes Plakat mit Vogelbildern an die Wand vor ihrem Klassenzimmer. „Die Blaumeise sieht aus, als hätte sie eine blaue Kappe auf", erklärt sie. Damit kriegt sie ihr Publikum: Cindy, 11, Chantal, 6, und Luca-Marie, 7, sitzen ihr gegenüber auf Stühlen und lachen über das Beispiel. Als Tiffanys Vortrag beendet ist, applaudieren sie. Die Mädchen üben ihre Referate, die sie in wenigen Tagen vor der Klasse halten wollen.

In einer anderen Schule wäre Cindy in der vierten, Chantal und Luca-Marie in der ersten Klasse. In der Marktschule gibt es diese Einteilung nicht. Kinder aller Altersstufen lernen gemeinsam in „Klassenfamilien". Das Konzept geht auf: Die Älteren lernen nicht nur Sozialkompetenz, das Erlernte verfestigt sich zugleich besser im Gedächtnis, wenn sie es den Jüngeren erklären. Die Kleinen werden von den Großen motiviert, sie genießen die Aufmerksamkeit der Großen. Das System ist flexibler als eine starre Alterseinteilung und erlaubt, auf den Lernstand jedes Kindes einzugehen.

Als einige deutsche Grundschulen vor zehn Jahren die ersten beiden Klassen zusammenlegten, ging man an der Marktschule noch einen Schritt weiter und vereinte alle vier Stufen – aus der Not heraus, wie Schulleiterin Ute Mittrowann einräumt: „Die Welt um uns herum veränderte sich, da konnten wir nicht einfach so weitermachen wie bisher." Aus dem ehemals bürgerlichen Viertel Bremerhaven-Lehe wurde in den Neunziger Jahren ein Brennpunkt mit einem hohen Ausländeranteil, zerrütteten Familien und großer Armut. Jedes dritte Kind lebt dort heute von Sozialhilfe, viele Kinder haben Lernbehinderungen. Diesem „Lernen in Heterogenität" wollten Mittrowann und ihre Kolleginnen gerecht werden. Das Kollegium entwickelte ein Schulprogramm, dessen Herzstück das jahrgangsübergreifende Lernen ohne Noten ist.

Bis heute nimmt die Schule damit eine Pionierrolle ein. Andere Schulen zögern, ein solches Modell einzuführen. Sie fürchten, damit vor allem den größeren Schülern nicht gerecht werden zu können. Dabei liegen die Vorteile auf der Hand, findet Konrektorin Silke Brandt: „Kinder eines Jahrgangs sind doch auch keine homogene Gruppe." Entwicklungsunterschiede von bis zu drei Jahren sind unter Gleichaltrigen in der Grundschule üblich. Die Marktschule will diesen natürlichen Unterschieden gerecht werden, indem sie sich am Einzelnen orientiert. Dass die Älteren aber nicht zu kurz kommen, zeigen auch die Zahlen: Die Übergangsquote aufs Gymnasium hat sich in den vergangenen Jahren von 13,5 Prozent (2005/06) auf 27 Prozent (2009/10) erhöht.

Nach einer halben Stunde Freiarbeit auf dem Flur ruft Lehrerin Vanessa Tons ihre Schüler ins Klassenzimmer. Luca-Marie, Chantal, Cindy und Tiffany hüpfen kichernd herein und setzen sich in den Stuhlkreis. „Wer leitet heute den Morgenkreis?" fragt Tons. Bilana, 9, meldet sich. „Welcher Tag ist heute?", fragt sie. Der Morgenkreis ist ein tägliches Ritual, das den Kindern Orientierung bietet. Wie viel Uhr ist es? Wie ist das Wetter? Bilana wartet stets, bis sich auch die Kleinen melden und lobt diese für richtige Antworten. Dann stellt sie den Tagesplan vor, der ausgedruckt an der Wand hängt: Wochenplanarbeit, Frühstückausgabe, Kunst. „Wer hat heute Förderunterricht?", fragt sie zum Schluss. „Leon, Henrik und Kevin" liest ein Mädchen vor.

Nicht nur die Altersunterschiede spielen hier keine Rolle, auch Förderunterricht oder psychologische Betreuung einzelner Schüler gehören zum Alltag und sind für die Kinder normal. Niemand wird deswegen gehänselt oder schief angeschaut. Unterschiede werden an der Marktschule als Vielfalt wahrgenommen, von denen man lernen kann. Auch beim Lernen. In jedem Schulfach gibt es Aufgaben in vier verschiedenen Schwierigkeitsstufen. Die Schüler wählen in Absprache mit der Lehrerin ihre Aufgaben, sie erkennen die Schwierigkeit an den Symbolen auf Mappen und Arbeitsblättern: eine Sonne für ganz leichte Aufgaben, ein Mond für etwas schwerere, dann folgen Stern und Regenbogen. So kann ein Kind beispielsweise in Mathe die Stern-Aufgaben bearbeiten, in Deutsch hingegen die leichteren Mond-Aufgaben.

Nach der Frühstückspause kehrt Ruhe ein. Wochenplanarbeit. Jedes Kind holt sich seine Mappe mit seinen individuellen Aufgaben, die die Lehrerin vorbereitet hat. Julian, 7, entscheidet sich für Mathe: Konzentriert legt er geometrische Formen aus Dreiecken. Wenn er nicht weiterkommt, fragt er seinen Nebensitzer, den ein Jahr älteren Pascal. Sobald ein Kind eine Aufgabe gelöst hat, bespricht es sich mit der Lehrerin, die sie überprüft und im Wochenplan abhakt. Damit ist sichergestellt, dass am Ende der Woche alles bearbeitet ist. Luca-Marie hat sich eine Deutsch-Aufgabe ausgesucht. „Wooomiiit kaaaann maaan schneideeen?" liest die Siebenjährige langsam vor. Sie sucht das Bild einer Schere und schreibt die Nummer des Bildes hinter den Satz. Dann radiert sie die Zahl wieder aus. Ihre große Freundin Bilana schaut ihr über die Schulter. „He, das war doch gut, was du da geschrieben hast", sagt sie.

Nach der Wochenplanarbeit steht Fachunterricht auf dem Stundenplan. Die Klasse von Lehrerin Jana Becker durfte sich das Thema – Ägypten – selbst aussuchen. In jeder Ecke des Klassenzimmers wird gebastelt und diskutiert. Der siebenjährige Manuel und die zehnjährige Kysha schneiden ägyptische Figuren aus. „Puh, ist das schwer", sagt Manuel, ein schmaler Junge mit Harry-Potter-Brille. „Soll ich dir mal was sagen", entgegnet Kysha lachend, „ich wäre damit in fünf Minuten fertig. Und jetzt hampel mal nicht so rum." Ihr Umgang wirkt vertraut wie der einer großen Schwester mit ihrem kleinen Bruder.

Im Fachunterricht bearbeiten die Kinder altersübergreifend ein Thema gemeinsam, jedes auf seinem Niveau. Eine komplexe Aufgabe für die Lehrerinnen, schließlich soll nach vier Jahren jedes Kind die Inhalte des Lehrplans durchgearbeitet haben, ohne dass sich etwas wiederholt. Weil das viel Vorbereitung bedeutet, haben sich die Lehrerinnen zu Teams zusammengetan, die Themen gemeinsam vorbereiten und parallel in ihren Klassen bearbeiten.

Das Gemeinschaftsgefühl an der Marktschule wird in solchen Situationen deutlich. Durch das altersübergreifende Lernen gibt es keine Wiederholer, niemand fällt durch und ist deshalb Außenseiter. Wer langsamer lernt, macht einfach die leichteren Aufgaben. Manche Kinder holen das binnen vier Jahren wieder auf, andere bleiben ein Jahr länger, manche schaffen die Grundschule schon in drei Jahren. Die ganze Zeit bleiben sie in ihrer Klassenfamilie bei „ihrer" Lehrerin. Das verbindet.

Freitagmittags dürfen Luca, Tiffany und Bilana puzzeln. Für die letzte Stunde haben sie sich das große Winterpuzzle vorgenommen. Während sie Pudelmützen und Schlitten zusammensetzen, planen sie das Wochenende. „Ich geh vielleicht schwimmen", sagt Luca-Marie. Bilana will Rollschuhlaufen. Es klingelt, die anderen springen auf. Aber die Mädchen wollen fertig puzzeln. Sie haben es nicht eilig, nach Hause zu kommen. „Seit du bei deinen Pflegeeltern wohnst, sehen wir uns kaum noch am Wochenende", sagt Tiffany traurig zu Bilana. Die neue Familie wohnt zu weit weg, vorher waren sie Nachbarinnen. Manchmal ist die Klassenfamilie verbindlicher als die Familie zuhause.

Eva Wolfangel
„Kein Kind zurücklassen“ ist ein hoher Anspruch in einer Region, in der viele Eltern arbeitslos sind und Kinderarmut nahezu Alltag ist. Die Marktschule stellt sich dieser Herausforderung: Sie bringt die Kinder in jahrgangsübergreifenden Klassenfamilien von eins bis vier zusammen. Dort werden sie erfolgreich individuell gefördert. Zugleich lernen sie Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Ältere sind Vorbilder für die jüngeren. Groß und klein, behindert und nicht-behindert, alt und jung – alle gehen respektvoll miteinander um. Die architektonische Gestaltung, aber auch die aufeinander abgestimmten didaktischen Konzepte machen die Schule zu einem Lebensraum für die Kinder, aber auch zu einem, in den auch die Eltern vielfältig einbezogen sind. Sie beteiligen sich an der Einzelförderung durch Lesen im Flur, durch den Aufbau und die Betreuung der Bibliothek wie durch die gemeinsame Gestaltung von Ausflügen und Festen. Die Schule bietet so auch vielen Eltern ein soziales Netz und stärkt damit wiederum die Kinder.

Die Lehrerinnen und der Lehrer an dieser Schule arbeiten im Team zusammen und stützen sich so wechselseitig in ihren Aufgaben. Die Kinder zeigen in regelmäßigen Präsentationen, wie und was sie allein, gemeinsam und vor allem selbstständig erarbeitet haben. Die Schule ermöglicht den Kindern damit Erfolgs- wie Genusserlebnisse – beides sind wichtige Momente für die Entwicklung von selbstbewussten Persönlichkeiten.

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