Die Preisträgerschulen

Erich Kästner-Schule

Vor neun Jahren drohte der Erich Kästner-Schule in Bochum die Schließung. Heute zieht Bochums erste Gesamtschule dank gezielter Talentförderung auch leistungsstärkere Schüler an. Das spiegelt sich in den Lernerfolgen aller.

Klirrendes Geschirr hört man, Zitroneneis schmeckt man – das weiß Dayko. Doch über das Arbeitsblatt mit der Geschichte über eine Eisdiele gebeugt, fällt es ihm schwer, die Sinne zuzuordnen. Und nun, als die Ergebnisse der Einzelarbeit in der Kleingruppe zusammengetragen werden, schiebt er die Federtasche auf seine Notizen. „Ich hab’ das falsch“, sagt er. Christian Schwingeler, 29, der Deutschlehrer der Klasse 5.3, kann nicht helfen, er ist in einer anderen Ecke des Raumes gefragt.

„Lass mal sehen“, entgegnet Ira, ein Tuch im Piratenlook um den Kopf, sie tippt die Antworten ihrer Arbeitsgruppe in den Laptop und greift nach dem Zettel, schließlich soll die Datei auf dem Server stehen, bevor es zur Pause läutet. Vier Minuten noch. Ira überfliegt das Arbeitsblatt. Dayko hat die Sinneseindrücke herausgeschrieben, nur sortiert hat er sie nicht. „Ist doch gar nicht falsch“, sagt Ira und tippt seine Zeilen in eine Tabelle. Als die Schulklingel ertönt, drückt sie auf „speichern“.

Die Arbeit in Gruppen aus Schülerinnen und Schülern mit unterschiedlichen Leistungsstärken gehört zum Alltag an der Erich Kästner-Schule in Bochum. Sie ist nur eine von vielen Neuerungen, die hier in den vergangenen Jahren umgesetzt wurden und mittlerweile Früchte tragen: Bei zentralen Leistungstests schneiden die Schüler überdurchschnittlich ab. Weniger als ein Fünftel derer, die 2011 die Mittlere Reife erreichten, hatte eine Realschul- oder Gymnasialempfehlung gehabt; nicht mal ein Viertel der Abiturienten war mit Gymnasialempfehlung gestartet. Die Erich Kästner-Schule als Qualitätsschule – das wäre vor einigen Jahren kaum denkbar gewesen.

„Wir galten als ‚Chaotenschule‘“, sagt Schulleiter Walter Bald, sein Blick wandert aus dem Fenster und bleibt an einer Schülergruppe hängen, die in Richtung Eingang trottet. Bald erinnert sich: Als er sein Amt vor neun Jahren antrat, prägten Kinder und Jugendliche aus den sozial zerrütteten Siedlungen in der Nachbarschaft das Bild. Nur eine Handvoll Schüler schlug den Weg zum Abitur ein. „Die Situation hat das damalige Kollegium völlig überfordert“, sagt Bald.

2003 stellte das Land der Schule ein Ultimatum: Binnen sieben Jahren müsse die Sekundarstufe 60 Schüler zählen, sonst drohe die Schließung der 1971 gegründeten, ersten Gesamtschule Bochums. Ebenfalls 2003 wurde die Stelle des Schulleiters frei. Bald zögerte nicht lange. „Als 68er habe ich die Idee der Gesamtschule ja mit geboren“, sagt der 60-Jährige. Er gab seinen Posten als Personalratsvorsitzender in der Bezirksregierung auf und stellte sich ans Ruder eines sinkenden Schiffes. „Ich wollte Schule gestalten“, sagt er. Dass die Schule in den Folgejahren Fahrt aufnahm, schreibt er der Initiative einzelner Kollegen und dem Generationswechsel im Kollegium zu: „Da kamen junge Lehrer von der Uni, die hatten noch was vor sich, die wollten verändern.“ Seine Strategie sei es gewesen, den jungen Kollegen Freiräume zu schaffen, sie machen zu lassen. Sein Auftreten als Erster unter Gleichen motivierte die jungen, aber auch ältere Kollegen zur Innovation: Das Lernprofi l „Kunst und Medien“ wurde geboren, es folgte eine „Notebook-Klasse“ mit Schwerpunkt Englisch, das Profi l „Sport und Gesundheit“ und zuletzt eine Integrationsklasse. Ein Technikzweig war geplant, doch die Kapazitäten fehlten. Deshalb ist jetzt eine weitere Notebook-Klasse mit Schwerpunkt Naturwissenschaften in Arbeit. Kurswechsel fallen dem Kollegium, das in Teams à zwölf Lehrern organisiert ist, nicht schwer. Jedes Team verfügt über ein eigenes Lehrerzimmer, Tür an Tür mit den sechs Klassen, für die es verantwortlich ist. „Eine ideale Voraussetzung für effektive Zusammenarbeit“, sagt Bald.

Sein Kollegium unterrichtet bis heute eine Schülerschaft mit Wurzeln in mehr als 30 Ländern und vielen Jungen und Mädchen aus sozial benachteiligten Familien. Doch der Anteil leistungsstarker Jugendlicher wächst. Ein Grund mag das neue Schulgebäude sein. Der weitläufige Bau erinnert mit seinen schicken Sichtbetonwänden an eine moderne Hochschule und wurde vor zwei Jahren von einem Priester, einem Rabbiner und einem Imam eingeweiht.

Den Kern des Erfolgs aber kann man in der Aula beobachten, wenn die Musical-AG ein Stück probt, das auf dem Bochumer „Fest der Kulturen“ aufgeführt werden soll. Oder in der Sporthalle, wo an diesem Nachmittag Schüler aus Bochum und Lecco in Italien dem Ball hinterherrennen: Das Turnier ist der Höhepunkt eines jeden Austauschs mit Schulen in mittlerweile acht europäischen Ländern. „Wir haben hier Leute, die etwas auf die Beine stellen wollen“, sagt Walter Bald.

Doch nicht nur die Lehrer übernehmen Verantwortung, auch die Schüler sind gefragt, etwa im „Klassenrat“, wo Probleme und Pläne unter Aufsicht, aber selbständig diskutiert und zur Abstimmung gestellt werden. „Streitschlichter“ schreiten bei Konflikten ein, und im üppig ausgestatteten Trainingsraum sind Schüler als „Fitnesscoaches“ aktiv.

Mehmet hat die Schulung zwar noch nicht absolviert, aber vor der Spiegelwand erklärt der 16-Jährige schon mal, wie „Indoorsticks“ funktionieren. Streckt eine der mannshohen, flexiblen Stangen senkrecht vom Körper und bringt sie mit kurzen Armbewegungen zum Schwingen. „Das trainiert jeden Armmuskel“, erklärt er. „Wir nennen sie auch die Heidi-Klum-Stäbe!“ Sein Sportlehrer, Christian Koglin, grinst. „Es geht hier nicht um Disko-Muskeln“, sagt der 29-Jährige. Aber immer mehr Kinder brächten Haltungsschäden mit, die passgenaues Training erforderten. Ist das Programm einmal erstellt, können die Schüler selbständig trainieren, vorausgesetzt, ein Fitnesscoach ist anwesend.

Individuelle Angebote und intensive Begleitung sind auch beim Übergang in die Berufswelt zentral. Im Berufsorientierungsbüro „BoB“ von Georg Wiese, zwischen den Computerarbeitsplätzen vor der großen Fensterfront und dem runden Tisch für Gruppengespräche, verliert man endgültig das Gefühl, in einer Schule zu sein. In enger Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit, zahlreichen Unternehmen in der Region und gemeinsam mit zwei Kolleginnen, führt der 52-jährige Mathelehrer hier Beratungsgespräche, vermittelt Praktika und hilft bei Bewerbungen. Zwei Stunden in der Woche ist er vom Unterricht befreit. Weitaus mehr verbringt er im BoB. „Mittlerweile rufen die Firmen schon bei uns an“, erzählt Wiese, der einen geradezu sportlichen Ehrgeiz entwickelt hat, auch schwierige Fälle zu vermitteln. Wie die 16-jährige Sevgin, die Gefahr lief, die Schule ohne Abschluss zu verlassen. Über einen Platz im Landesprojekt „Betrieb und Schule“, das Unterricht mit einem Jahrespraktikum verbindet, fand sie einen Ausbildungsplatz. Bei einem Besuch in ihrer alten Schule berichtet sie mit leuchtenden Augen von der Arbeit als angehende Bäckerei-Fachverkäuferin und bemerkt lapidar: „Ohne das BoB wär’ ich weg vom Fenster.“

„Es gibt noch viel zu tun“, sagt Walter Bald. Er will die Schulstunden von 45 auf 60 Minuten umstellen. „Weil das effizienter ist“. Und dann sind da noch die beiden Metalltafeln mit den Kästner-Porträts, die in seinem Büro an der Wand lehnen. Die sollten längst an einer nahe gelegenen Fußgängerbrücke angebracht sein. Doch das Tiefbauamt stellte sich quer. Aber aufgeben? Das ist nicht sein Stil. „Ich kenne mich gut aus mit Behörden“, sagt Bald. „Wir schaffen das schon.“
Noch gibt es erst wenige Schulen in Deutschland, deren Architektur die Leitgedanken des Schulprogramms so ersichtlich und so einleuchtend abbilden wie im Fall der Erich Kästner-Schule Bochum (EKS). Hier fügen sich eine bald zehnjährige zielgerichtete Schulentwicklung und die Notwendigkeit eines Schulneubaus zu einer geglückten Synthese.

Auf drei Ziele hatte sich die EKS seit 2004 in ihrer Schulentwicklung verständigt: auf das kooperative Lernen, auf die systemische Entwicklung hin zu einer Teamschule und auf die vier Schulprofile Kunst und Medien, Notebook mit Englisch plus, Sport und Gesundheit sowie Technologie. Mit dieser Fokussierung erhielt die große Gesamtschule aus den frühen 70er Jahren in einer für sie kritischen Situation neuen Schwung und neuen Zuspruch. Diese nahmen zudem erheblich zu, als das Schulprogramm Eingang fand in die Ausschreibung, Planung und Gestaltung des Schulneubaus.

Modellhaft lässt die EKS heute die Richtigkeit der These vom „Raum als dritten Pädagogen“ erleben. Die Klassenräume für die Jahrgänge gruppieren sich mit Differenzierungsräumen um die Teamlehrerzimmer. Ebenso wohldurchdacht sind die Möblierung der Räume sowie Zuordnung und Ausstattung der Fachräume. Lichte, offene Höfe und Atrien führen hin zu den zentralen Funktionen wie Mensa, Aula oder Bibliothek. Dadurch, dass das Kollegium, Schüler und Eltern von der Schulleitung als Experten in die Gestaltung der neuen EKS verantwortlich einbezogen wurden, wuchs bei allen Beteiligten eine spürbar starke Identifikation mit ihrer Schule. Und diese ist eine Ursache für ihre erstaunlich guten Leistungen und Abschlüsse.

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