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"Schule muss bewahren und verändern zugleich"

Als Mitglieder der Jury entscheiden sie, wer den Deutschen Schulpreis bekommt: Schulleiterin Helga Boldt und Bildungsforscher Michael Schratz im Gespräch über guten Unterricht, über konservative Elternwünsche - und darüber, warum sich die Schulen derzeit so stark verändern.
  • Frau Boldt, stehen Sie morgens immer noch vor der Schultür und warten auf Ihre Schülerinnen und Schüler?

Boldt: (lacht) Ich weiß, worauf Sie anspielen: Als unsere Schule vor sieben Jahren gegründet wurde, gab es noch gar keinen richtigen Eingang. Da habe ich die Schülerinnen und Schüler morgens noch persönlich begrüßt.

  • Jetzt machen Sie das nicht mehr?

Boldt: Nein, wir haben inzwischen rund 800 Schüler und mehrere Gebäude, da geht das nicht mehr. Aber wir haben versucht, die Atmosphäre aus der Anfangszeit mitzunehmen. Die Lehrkräfte sind deshalb morgens meist vor den Schülern da und empfangen sie im Klassenraum. Die ersten 45 Minuten sind Frühlernzeit, in der jedes Kind etwas für sich tun kann, lesen beispielsweise oder mit Unterstützung der Lehrerin etwas nacharbeiten.

  • Herr Professor Schratz, was sagt so etwas über eine Schule aus?

Schratz: Rituale wie dieses haben eine wichtige Funktion: Sie schaffen Beziehung und geben Auskunft über die Kultur einer Schule. Werden Kinder und Jugendliche willkommen geheißen oder nur zur Klasse geschleust? Ist die Schule für sie Lernraum oder Lebensraum? Die Atmosphäre zeigt sich in solchen Ritualen.

  • Sie beide sind seit Jahren in der Jury des Deutschen Schulpreises und haben dutzende Schulen begutachtet. Was ist Ihnen dabei in besonderer Erinnerung geblieben?

Schratz: Ich denke da zum Beispiel an eine Schule, die besonderen Wert auf ihre Gartenanlage legt. Diese ist so gestaltet, dass sie gleichsam als Übergang zwischen dem Zuhause und der Schule dient – wer sie durchquert, spürt gar nicht, dass er nun den Raum des Lernens betritt. An vielen Schulen ist zu beobachten, dass die Schülerinnen und Schüler ihre Umgebung in hohem Maße selbst gestalten, sie nehmen Einfluss und streben danach, sich optimal entfalten zu können.

Boldt: Für mich ist jeder Schulbesuch eine neue Entdeckungsreise. Aus den Bewerbungsunterlagen kenne ich natürlich viele Details, doch erst vor Ort bekomme ich einen ganz unmittelbaren Eindruck, wie pädagogisches Konzept und Alltagspraxis an dieser Schule zusammenwirken. Mit jedem Besuch wird mein Blick für Schulqualität genauer, und ich nehme enorm viel für meine eigene Arbeit mit. Eine wichtige Erkenntnis: Gelingende Schulen gibt es in allen Schulformen und in allen Bundesländern. Entscheidend sind immer das Engagement sowie die Professionalität und Entwicklungsoffenheit der Pädagogen.

Schratz: Wir bewegen uns vor Ort völlig frei, öffnen Türen, schauen in Klassenzimmer und merken, wo es knistert. Da geht es auch ums Spüren: Man erlebt emotional mit, ob die Schule eine Kultur geschaffen hat, in der die Schülerinnen und Schüler gefördert, aber auch gefordert werden. Wenn dieses Gefühl, diese positive Stimmung fehlt, dann werde ich stutzig. Und natürlich kommen wir immer wieder ins Gespräch. An einer Schule sagte mir ein Schüler: "Ohne uns geht hier gar nichts", worin sich das Engagement der Schülerinnen und Schüler für Mitgestaltung zeigt. Tatsächlich haben sie sich organisiert wie der Bundestag: Probleme werden von ihnen gezielt in Arbeitsgruppen angegangen und gelöst.

  • Die Preisträger-Schulen setzen von genau dieser Partizipation über Lernbüros bis hin zu jahrgangsübergreifenden Klassen allerhand Instrumente ein, die es früher nicht gab. War der Unterricht vor zehn, fünfzehn Jahren schlechter?

Schratz: Nein, sicherlich nicht. Schule hat immer die doppelte Aufgabe: zu bewahren und zu verändern. Noch vor einigen Jahren lag der Schwerpunkt auf dem Bewahren: Es wurde das weitergegeben, was eine Gesellschaft auszeichnete, was die Schülerinnen und Schüler für die Weiterentwicklung des Gemeinwohls benötigten. Wer damals das Abitur gemacht hat, ging danach zur Universität, wurde Jurist oder Ärztin – und war das ein Leben lang. Heutzutage muss Schule viel offener für Veränderung sein und auf aktuelle Herausforderungen reagieren, und das spiegelt sich natürlich im Unterricht wider.

Boldt: Nehmen Sie als Beispiel nur das Smartphone, über das die Jugendlichen heute Zugang zu vielen Informationen haben, die ihnen früher die Lehrkräfte vermittelten. Auch vor 100 Jahren gab es gute Schulen, und manche Erfahrungen früherer Zeiten haben heute noch Bestand. Was bleibt ist, dass erfolgreiches Lernen sozial eingebettet sein muss. Und dazu braucht es empathische, fachlich überzeugende, orientierungsstarke Erwachsene und eine sozial tragfähige Lerngemeinschaft.

  • Sind denn die Schulen, die mit dem Schulpreis ausgezeichnet wurden, einsame Leuchttürme – oder hat sich Schule tatsächlich flächendeckend gewandelt?

Boldt: Nach meinem Eindruck gibt es immer mehr Schulen, die sich trauen, eigene Wege zu gehen, die sich dafür auch zu Netzwerken zusammenschließen und andere an ihren Erfahrungen teilhaben lassen.

  • Wenn die Schulen heute selbst mehr experimentieren – welche Rolle hat denn dann noch die Bildungsforschung?

Schratz: Die Wissenschaft hat in der Schulentwicklung eine dienende Funktion eingenommen. So gibt es weltweit zwar enorm viele Erkenntnisse darüber, was eine gute Schule ausmacht, aber all diese Kriterien nutzen wenig, wenn sie nicht gelebt werden. Wir haben inzwischen die Bauprinzipien von Schul- und Unterrichtsentwicklung empirisch sehr gut erfasst, aber wenig Erfahrung damit, wie sie vor Ort die jeweilige Praxis nachhaltig wandeln. Da hilft der Deutsche Schulpreis sehr, weil er zeigt, wie Schulen unter ihren ganz spezifischen Bedingungen ihre Zukunft gestalten können. Nehmen Sie beispielsweise die sechs Qualitätsbereiche: Wir stellen bei den Schulbesuchen fest, wie unterschiedlich die Schulen sie leben. Die Jury muss sie zwar anhand dieser Vorgaben messen können, diese müssen aber auch so breit ausgelegt sein, dass jede Schule ihren eigenen Weg zum Erfolg finden kann.
 

"Die Schule reagiert nicht nur auf gesellschaftliche Veränderungen, sie gestaltet auch mit"
 

  • Frau Boldt, als Sie vor sieben Jahren mit dem Aufbau Ihrer Schule begannen: Wie sehr halfen Ihnen da wissenschaftliche Theorien, und wie wichtig war die eigene pädagogische Erfahrung?

Boldt: Ohne pädagogische Erfahrung geht es nicht, aber wenn Wissenschaft und Schulpraxis in einem derart komplexen Prozess in einen gleichberechtigen Dialog treten, gewinnen beide an Substanz. Uns allen war klar: Wenn einzelne begabte Schülerinnen und Schüler auch gute Schulleistungen zeigen, ist das nicht wirklich verwunderlich. Die große Herausforderung liegt heute darin, in einem kulturell und sozial heterogenen Umfeld ein lernfreudiges Klima zu schaffen. Unsere Schülerschaft ist bewusst so gemischt wie die Stadtgesellschaft insgesamt und wir lernen täglich von ihr, wie Schule besser gelingen kann.

  • Das Stichwort von den Veränderungen in der Gesellschaft hört man oft, wenn man in Schulen unterwegs ist. Haben Sie den Eindruck, dass der Wandel die Schulen vor sich hertreibt?

Boldt: Nein, das sehe ich nicht so. Die Schule reagiert nicht nur auf gesellschaftliche Veränderungen, sondern gestaltet diese auch mit.

  • Ein häufiger Vorwurf lautet, die Schule sei zu einem bloßen Reparaturbetrieb verkommen.

Boldt: Dieser Vorwurf kommt eher von denjenigen, die Kindern und Jugendlichen wenig Möglichkeiten zur Mitgestaltung bieten. Wer die Schule nicht auch als demokratischen Lernort versteht, verschenkt eine riesige Chance. Die Schule beansprucht heute schon allein zeitlich einen größeren Raum im Leben der Kinder und Jugendlichen. Früher gab es mehr informelle Lernorte neben der Schule, in denen persönlichkeitsbildende Erfahrungen gemacht wurden. Heute kommen viele Schülerinnen und Schüler aber oft erst um 17 Uhr nach Hause. Da muss Schule einfach mehr als Lesen und Schreiben vermitteln.

  • Wie kommt es denn dann, dass viele Eltern ihr Kind am liebsten in einem traditionellen Gymnasium sehen, in dem noch die alten Werte gelebt werden – und nicht an einer Schule anmelden, die neue Wege beschreitet?

Schratz: Eltern wollen natürlich das Beste für ihr Kind. Nur sind ihre Vorstellungen davon, was denn das Beste sei, vielfach von eigenen Erfahrungen geprägt. Wie oft höre ich den Satz, ein leichter Klaps zur Erhaltung der Disziplin sei doch kein Problem. An dieser Metapher vom Klaps zeigt sich, wie tief die eigenen Erfahrungen Menschen prägen. Deshalb ist es wichtig, dass die Eltern den Lehrkräften vertrauen. Wir erleben immer wieder, wie rasch sich das Anmeldungsverhalten verändert, wenn Eltern wollen, dass ihr Kind freudiger zur Schule geht und seine persönliche Leistung verbessert.

  • Was sagt das über den Unterschied zwischen "alten" und "neuen" Schulen aus?

Schratz: Lange meinten viele Eltern, ihr Nachwuchs müsse – so wie sie damals – durch die Mühsal des entfremdeten Lernens. Doch Kinder sollen heute nicht mehr nur instruiert, auch ihre unterschiedlichen Potenziale sollen freigesetzt werden. An einer innovativen Schule blühen viele auf und entfalten plötzlich ihre Fähigkeiten. Diese Erfahrung machen die erfolgreichen Schulen.

Weitere Informationen

Publikation

Das Interview ist in der Beilage "Gute Schule - so geht's" zum Jubiläum des Schulpreises erschienen, Die Zeit, 2. Juni 2016.
Robert Bosch Stiftung (Hg.)  Gute Schule - so geht's  Lesen und empfehlen