Preisverleihung 2006
Die Veranstaltung wurde direkt vom Ereigniskanal Phoenix übertragen.
Janni, der zur Feier des Tages in einem etwas zu großem Jackett steckt, ist aufgeregt, hat aber ein "gutes Gefühl", wie er sagt. Er besucht die vierte Klasse der Grundschule Kleine Kielstraße und er ist jetzt schon im zweiten Jahr ihr Schulsprecher. Für ihn und seine drei mitangereisten Schulkameraden aus Dortmund steht jetzt schon fest: Sie gehen auf die beste Schule überhaupt.
"Wir haben ein Schülerparlament, viele AGs und den größten Zusammenhalt", sagt er wie zum Beweis. Doch ob die Fachjury, die zuletzt unter 18 für den Preis nominierten Schulen auswählen musste, das auch so sieht? Sie tat es. Als die Tochter von Firmengründer Robert Bosch und die Initiatorin des Deutschen Schulpreises, Eva Madelung nach spannungsreichen Minuten endlich den Namen des Hauptpreisträgers verlas, ging ein Jubelschrei durch die Reihe, in der die Schüler, Lehrer und Elternvertreter der Grundschule Kleine Kielstrasse saßen.
Die ausgezeichnete Schule liegt in einem Ausländer- und Arbeiterviertel im dichtbebauten Dortmunder Norden. Ihre Schüler stammen aus über 20 Nationen, für vier von fünf ist Deutsch nicht die Muttersprache. Die Schulpreis-Jury überzeugte das hohe Maß an individueller Förderung, das beweist, dass gute Schule auch in Problemvierteln möglich ist. Für jedes Kind gibt es hier einen Förderplan. Und auch die Eltern werden in einem "Erziehungsvertrag" mit der Schule in die Pflicht genommen: Monatlich trifft sich der Elternkreis. Dabei geht es um die Sprachentwicklung, die Bedeutung des Vorlesens, oder den Fernseh- und Computerkonsum.
In ihrer Laudatio für die Kleine Kielstraße hob Eva Madelung die außerordentliche "pädagogische Leidenschaft" verbunden mit "professionellem Können und modernem Qualitätsmanagement" an der Grundschule hervor. "Sie ist beispielgebend für eine Pädagogik, die Kinder dafür stark macht, dass sie in der Welt von heute und morgen gemeinsam bestehen können", schloss die Lobrednerin. Für die Schulleiterin Gisela Schultebraucks-Burgkart, die den mit 50 000 Euro dotierten Preis von Bundespräsident Horst Köhler entgegennahm, ist die Auszeichnung vor allem eine Motivation, "sich nicht auf den Lorbeeren auszuruhen, sondern auf dem begonnenen Weg weiterzumachen". "Der Schulpreis", sagte sie, "ist eine hervorragende Gelegenheit, um endlich einmal die positiven Beispiele ins Rampenlicht zu rücken."
Genau dies war auch die Idee des Wettbewerbs um den Deutschen Schulpreis, der unter dem Motto "Es geht auch anders" stand. Statt schlechten Pisa-Noten und Negativ-Schlagzeilen über gewaltsame Ausschreitungen wie etwa an der Berliner Rütlischule sollten endlich einmal die guten Vorbilder in die mediale Öffentlichkeit rücken. Zusammen mit ihren Medienpartnern ZDF und Stern ist dies der Robert Bosch und der Heidehof Stiftung auch bestens geglückt: Neben dem Bundespräsidenten und einigen Ministerpräsidenten kamen die "Who is Who" der deutschen Bildungslandschaft in den hell erstrahlten gläsernen Innenhof des ZDF-Hauptstadtstudios - und natürlich auch viele Schüler, Eltern, sowie Teile des Kollegiums aus den 18 nominierten Schulen. Der Fernsehsender Phoenix übertrug die 90-minütige Preisverleihung live, in der der Schauspieler und Sänger Uwe Ochsenknecht mit seiner Band für Stimmung sorgte. Für Spannung sorgte dagegen Karsten Schwanke, Moderator der ZDF-Sendung "Abenteuer Wissen", - zumindest solange bis endlich alle Preisträger feststanden.
Die vier weiteren Preise mit jeweils 10 000 Euro erhielten die Braunschweiger Gesamtschule Franzsches Feld, die Hamburger Max-Brauer-Schule, die Jenaplan Schule in Jena und die Offene Schule Kassel-Waldau. Von ihrer Struktur her sind sie allesamt integrierte Gesamtschulen - und auch bei ihnen steht die individuelle Förderung eines jeden Kindes im Mittelpunkt. Man trage dort "Sorge dafür, dass niemand verloren geht und dass nicht durch die Herkunft über die Zukunft entschieden wird", heißt es etwa im Jury-Votum zur Braunschweiger Schule Franzsches Feld. Die Offene Schule Waldau und die Hamburger Max-Brauer-Schule gehören zu den älteren Gesamtschulgründungen aus den 70er Jahren, die ihre Reformpädagogik über die Jahre hinweg immer wieder gegen die Ministerialbürokratie und die Politik verteidigen musste. Die Schule in Jena hat nach der Wende das pädagogische Jenaplan-Reformkonzept aus den 20er Jahren aufgegriffen und an heutigen Herausforderungen orientiert.
Die Entscheidung im Wettbewerb um die beste Schule Deutschlands war alles andere als ein leichtes Unterfangen. Unter 481 Bewerbungen musste die hochkarätig besetzte Schulpreis-Jury, der neben zwei deutschen PISA-Forschern renommierte Wissenschaftler auch aus den Niederlanden, Österreich und der Schweiz angehörten, auswählen. Vom Sportgymnasium bis zur Grundschule, von Bremen bis Bayern konkurrierten alle möglichen Schulen miteinander. Bewertet wurden sie nach den sechs Kriterien Leistung, Unterrichtsqualität, Umgang mit Vielfalt, Verantwortung, Schulklima sowie Motivationsförderung und Professionalität der Lehrer. Die 18 Nominierten, die schließlich in der Endauswahl standen und bei der Preisverleihung in einem Kurzfilm vorgestellt wurden, waren im vergangenen Sommer von Gutachtern besucht worden. Angesichts der Vielfalt stellte das Jury-Mitglied Professor Peter Fauser vom Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Jena in der Gesprächsrunde ganz klar fest: "Unsere Wirklichkeit der guten Schulen in Deutschland ist weitaus interessanter als unsere Ideen von guten Schulen."
Für die diesjährig ausgezeichneten Schulen geht es aber nicht nur um die kurzfristige Aufmerksamkeit, sondern um "nachhaltige Verbesserungen", wie auch Bundespräsident Horst Köhler in seiner Eröffnungsrede betonte. Erklärtes Ziel des Deutschen Schulpreises ist es, die Vorbildwirkung erfolgreicher Praxisbeispiele zu nutzen. Jedes Jahr werden die prämierten Schulen nun zu einer Akademie für Schulentwicklung eingeladen, bereits im März 2007 startet die nächste Bewerbungsrunde im Schulwettbewerb. Über die Jahre hinweg soll sich so ein Netzwerk von ausgezeichneten Schulen herausbilden, die sich gegenseitig beflügeln und andere zu eigener Initiative ermuntern.
"Wer auf ihm sitzt, will hoch hinaus", hatte der Bundespräsident dem Gewinner des geflügelten Stuhles prophezeit - und Recht behalten. Stolz hält der Schülersprecher Janni am Ende der Veranstaltung stellvertretend für seine Schule den begehrten Pokal in die Blitzlichter der vielen Kameras. "Bei uns", sagt er, "muss man nicht immer zur Lehrerin gehen, auch wir Schüler können helfen". In der Grundschule Kleine Kielstraße freuen sich wirklich alle auf den kommenden Erfahrungsaustausch.
Tina Hüttl, Dezember 2006